Das Rumänienprojekt des Hamburger Singewettstreits
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Chronik - Fahrtenbericht
Es war Anfang Juli 1993, als wir uns von Winsen aus auf den 1800 km langen Weg nach Rumänien machten. Der 76er VW-Bus war nicht nur mit uns und unserer Fahrtenausrüstung beladen, sondern zusätzlich mit allerlei Werkzeug und Elektroartikeln, die wir als Spende einiger Geschäftsleute unserer Heimatstadt erhalten haben, um in dem Haus, das mit euren Spendengeldern renoviert und erweitert wird, die elektrischen Leitungen teils zu ersetzen, teils neu zu verlegen. Über Prag, Bratislawa, Budapest und die äußerst besuchenswerte Weinstadt Eger erreichten wir das Ende einer 6 km langen Pkw-Schlange an der ungarisch/ rumänischen Grenze. Dank einiger Papiere, die uns als Hilfstransport auswiesen und unserer Hartnäckigkeit, wurden wir nach einigem hin und her an der schier unendlichen Autoschlange vorbei eskortiert und bevorzugt abgefertigt. Trotzdem dauerte der Grenzaufenthalt insgesamt noch über 7 Stunden, bis sich der Schlagbaum vor uns in Richtung Rumänien erhob.
Angekommen in Alba Julia, wurden wir sehr herzlich von Pastor Wagner, der das Spendenprojekt auf dem Singewettstreit in Hamburg vorstellte und seiner Familie empfangen. Frau Wagner, eigentlich ganz und gar beansprucht von drei sehr lebendigen Söhnen zwischen drei und sechs Jahren, sowie der kleinen Anna, die erst fünf Tage später geboren werden sollte, zeigte uns unsere Unterkunft, versorgte uns mit Säften und allerlei frischem Gemüse aus dem Garten.
Gegen Abend lernten wir Rüdiger Frodermann kennen, einen Sozialarbeiter aus der Gegend um Bad Salzufflen, der für zwei Jahre mit Frau und dem einjährigem Moritz nach Alba Julia gekommen war. Rüdiger entpuppte sich schnell als die gute Seele in der Koordination der Hilfsleistungen. Er ist eine Art ruheloser Tausendsassa, der überall Bescheid weiß, immer zur Stelle ist, wenn er gebraucht wird und so ganz nebenbei die rumänischen Betreuerinnen regelmäßig in Theorie und Praxis der Behindertenpädagogik schult.
Rüdiger zeigte uns den Bau, der von euren Spendengeldern finanziert wird und der leider nicht soweit fortgeschritten war, wie wir erhofft hatten. Schuld daran, so Rüdiger, sei weniger das bedächtige Arbeitstempo der Rumänen, als viel mehr einige Streitigkeiten mit der privaten Baufirma, die den Anbau übernommen hatte. Wir kamen überein, daß es sinnvoll wäre, erst einmal die Karpaten zu erwandern und die elektrischen Leitungen in der darauffolgenden Woche zu verlegen. Ohne daß wir besonders viel dazu tun mußten, waren wir am nächsten Tag mit Wanderkarten versorgt, erhielten allerlei Tips, wo das Retezatgebirge am schönsten ist und, was uns besonders wichtig war, wir hatten eine Anlaufadresse bekommen, wo wir unser Fahrzeug direkt am Beginn unserer Route für eine Woche abstellen konnten. Gastfreundschaft auf rumänisch.
Sieben Tage lang durften wir dann die Einmaligkeit eines Gebirges erleben, Teil einer Landschaft sein, Bilder und Eindrücke sammeln, die da so ganz eingeklemmt zwischen all den anderen Fahrtenerlebnissen, wohl immer eine etwas erhabenere Position haben werden. In baumlosen Höhen, wechselnden Wettergewalten ausgeliefert, mal stechender Sonne, mal unerwartetem Schnee, zogen wir über steinige Kämme und sattgrüne Bergwiesen. Mal verborgen in dichtem Nebel, dann für einen Moment freigegeben in glanzvoller Sonne, verloren die Schatten der Bergmassive ihre bedrohliche Mystik und gingen ganz und gar auf im faszinierenden Zauber einer uns bis dahin fremden Wirklichkeit. Auch diese Fahrt hat ihre Eindrücke ganz tief in uns gegraben, und sie werden von dort darauf lauern, sich immer und immer wieder zu erheben, sich in unser Jetzt, unser ganz normales Leben, unseren Alltag zu legen, damit wir nicht mehr vergessen was jedem von uns ein Stück weit sein Leben ist: Die Fahrt, das Erleben mit Freunden. Mit einem Kohtenabend verabschiedeten wir uns von der berauschenden Stimmung des Gebirges.
Ein gleichwertiger Teil dieser Fahrt sollte der Arbeit gehören. Zurück in Alba Julia war der Bau zwar immer noch nicht sehr viel weiter gediehen, dennoch gab es für uns ausreichend zu tun. In dem Spendenprojekthaus waren die alten Leitungen durch neue zu ersetzen. Die Schalter und Stecker sollten aus Sicherheitsgründen in 2 m Höhe gesetzt und sämtliche Kabel unter Putz gelegt werden. In dem Anbau, dessen Erdgeschoß soweit fertig war, konnten die Leitungen noch leicht und schnell verlegt werden, da die Wände noch nicht verputzt waren. Da parallel zu diesem Bau noch ein anderer in Arbeit war, boten wir uns an, die Elektroinstallation in beiden Häusern auszuführen. Rüdiger war für dieses Angebot mehr als dankbar, denn er hatte bisher wenig gute Erfahrungen mit rumänischen Elektrikern gemacht.
Als wir dann die Arbeit angingen, sahen wir überdeutlich, was er damit meinte. Die antiquarischen Sicherungskästen hatten ihre Funktion schon längst verloren. Entweder es gab gar keine Sicherungen mehr und es fand sich in dem Schraubgewinde ein leitendes Geldstück, oder die Sicherungen wurden eiskalt überbrückt, da sie sowieso sofort herausspringen würden. Nicht selten wiesen die Wände um die alten Verteilerdosen, die übrigens aus alten Konservendosen bestanden, Schmauchspuren von kleinen Bränden auf. Kein Wunder! Statt Lüsterklemmen sah man immer nur ineinander verhakte Kabelenden, Leitungen waren völlig überlastet und erhitzten sich, daß unsere "Fachleute" ihren Augen nicht trauten. Ebenso katastrophal verhielt es sich mit der Isolierung. Sie war, wenn überhaupt ausreichend vorhanden, so doch meist älter als der Vater meines Urgroßvaters. Selbst ich, der ich nach wie vor der Überzeugung bin, daß der Herr Ohm der Urvater eines fernöstlichen Meditationslautes ist, konnte die Notwendigkeit einer umgehenden Erneuerung erkennen.
Pastor Wagner hatte uns zwar bei den rumänischen Bauarbeitern angekündigt, doch nahm man am ersten Tag weniger uns zur Kenntnis als vielmehr das von uns mitgebrachte Werkzeug. Da waren die zwei Bohrmaschinen, die eine so groß und so gewaltig, daß man mit ihr problemlos durch die Wände und den Deckenbeton bohren konnte, die andere immer noch talentierter, als die handelsüblichen rumänischen Meißel. Die Wirkung des kabellosen Akku-Schraubers entzieht sich der Beschreibbarkeit.
An den nächsten Tagen kamen wir erst gegen 15.00 Uhr auf die Baustelle. Das hatte zwei Vorteile. Zum einen war der Bau nicht so hoffnungslos überfüllt, immerhin waren wir zu sechst, und die Baufirma stellte noch einmal acht. Zum anderen lag der zweite Vorteil darin, daß uns so die sengenden Hitze des Tages, manchmal 36 Grad im Schatten, erspart blieb. Um aber dennoch etwas zu schaffen, nutzten wir das Tageslicht bis etwa 22.00 Uhr aus.
Bald war abzusehen, daß wir an beiden Baustellen die Installationen soweit durchführen konnten, wie es der Fortschritt der Maurerarbeiten eben zuließ. Das bedeutete, daß die Kabelverlegungen in den ersten Stöcken vorerst unerledigt bleiben mußten. Sowohl Pastor Wagner, als auch Rüdiger erklärten sich besorgt darüber, daß sich ein rumänischer Elektriker mit den von uns installierten Sicherungsanlagen nicht zurechtfinden würde und dadurch die angestrebte Sicherheit nicht erreicht werden könnte. So entschlossen sich einige von uns, die zeitlich so flexibel sind, im September noch einmal nach Alba Julia zu fahren, um in den dann fertigen Häusern die angefangene Arbeit an den elektrischen Anlagen zu beenden.
Mit einem guten Gefühl packten wir am Abend unseres letzten Arbeitstages unser Werkzeug wieder ein. Unsere beiden Fachleute machten eine vorläufig letzte Baubesichtigung und notierten sich, was für Materialien bis zum nächsten Arbeitseinsatz im September noch in Deutschland zu besorgen waren. Als ich noch einmal zu dem Haus zurücksah, das da so still als Baustelle stand, konnte ich kaum fassen, daß all das nur durch diese vielen drei Märker des Hamburger Singewettstreites möglich gemacht wurde. Ich stelle mir die Kinder vor, wenn sie aus ihrem Sommerlager Ende September zurückkehren und dieses Haus mit ihrem Leben füllen. Alle, die Ihr da ward, in Hamburg und Augsburg. Ihr habt es gegeben und das war es wert.
Dieser Tag und damit diese arbeitsreiche, aber trotzdem sehr schöne Sommerfahrt endete abends an einer langen Tafel im Innenhof eines Hauses der Diakonia. Ein fröhliches Fest, nicht nur mit Pastor Wagner und Rüdiger, sondern mit vielen Arbeitern, die wir auf der Baustelle kennengelernt hatten, sowie mit deren Frauen, war die nach außen sichtbare Danksagung der Menschen, denen wir vor Ort und Ihr durch eure Spende, geholfen haben. Tief in der Nacht, noch immer füllte man unsere Gläser mit selbstgebranntem Wachholderschnaps, erklärte uns Pastor Wagner, daß nicht die vielen gesetzten Dosen und Schalter oder die hunderte von Metern verlegter Kabel der eigentliche Erfolg unseres Arbeitseinsatzes war, sondern das, was wir durch unser Auftreten in den Menschen, die mit uns gearbeitet haben, in Bewegung gesetzt hatten. Darunter fallen so banal klingende Dinge, wie die des unglaublichen Arbeitstempos, das wir an den Tag gelegt haben sollen. Ein älterer Arbeiter wollte uns in sein Haus einladen, weil er beeindruckt war, daß wir in unserem Urlaub durch fast ganz Europa fahren, um dort in Alba Julia zu arbeiten, um zu helfen. Vielleicht ist es ein generelles Problem der altkommunistischen Staaten. Die Erkenntnis der Menschen, daß sie das, was sie tun nicht für irgendeinen abstrakten, in sich widersprüchlichen und zur reinen Phrase verkommenen Staatsbegriff tun, sondern für die Menschen, mit denen sie leben, für ihre Familien und die eigenen Ideen. Wenn es uns wirklich gelungen sein sollte, neben einigen Kabelverlegungen auch etwas in das Bewußtsein dieser Menschen getragen zu haben, ohne daß wir dies je beabsichtigt hätten, dann war unsere Sommerfahrt ein um so größerer Erfolg.
Als wir zwei Wochen vorher in Alba Julia ankamen, wurden wir von Pastor Wagner, seiner Frau und den drei Söhnen empfangen. Als wir uns mit unserem treuen VW-Bus auf den 1800 km langen Rückweg machten, waren es sechs Personen die uns verabschiedeten. Die gerade 10 Tage alte Anna war während unseres Aufenthaltes geboren worden. Wenn sie ebenso lebendig wie ihre Brüder wird, kann es im Hause Wagner niemals langweilig werden. Nachdem wir knapp 24 Stunden nach unserer Abfahrt in Alba Julia auch die Grenze nach Deutschland bei Zinnwald überquert hatten, feierten wir einen letzten gemeinsamen Abend in Dessau.
Was bleibt, sind wie immer die vielen Erinnerungen und die damit verbundene schöne Last, die Eindrücke zu verarbeiten. Und dennoch ist es diesmal etwas mehr. Es ist die Gewißheit, eine Aufgabe übernommen zu haben, die nicht mit diesem einen Arbeitseinsatz oder der einen Spendenaktion auf dem Hamburger Singewettstreit beendet sein kann. In Alba Julia wird kein windiges Projekt unterstützt. Es arbeitet mit einem Konzept, das sinnvoll ist und funktioniert, das jetzt schon über 100 Menschen beschäftigt.
Noch lebt man überwiegend vom Verkauf gebrauchter Spendenkleidung, doch gibt es viele Ideen, sich finanziell auf eigene Füße zu stellen und weitere Einnahmequellen aufzubauen. So etwa der Bau einer Getreidemühle, mit der nicht nur Behinderten und Waisen geholfen, sondern ganz Alba Julia in seinem Aufbauwillen unterstützt wird. Die Hilfsleistungen werden vor Ort von Menschen organisiert, die unser Vertrauen verdienen, und so ganz nebenbei leistet unser überbündischer Beitrag Hilfe zur Erneuerung eines ganzen Landes, das allemal einzigartige Fahrtenziele birgt und bietet.
Ich hoffe, daß auch ihr eure Spende sinnvoll angelegt seht, und wäre froh, wenn dieser Bericht euer Interesse an dem Rumänienhilfe-Projekt des Hamburger Singewettstreites erhalten oder gar neu geweckt hat. In diesem Zusammenhang gab es noch einen anderen Aufruf zur gleichen Sache. Es wurden interessierte Hand- und Heimwerker gesucht, die Lust und Zeit an einem Arbeitseinsatz in Alba Julia hätten. Leider war es nahezu unmöglich den Zeitpunkt des Bedarfs an Fachkräften in Rumänien mit den Terminzwängen der hiesig Interessierten in Einklang zu bringen. Auch wenn das Erreichte in diesem Punkt hinter unseren Erwartungen zurückblieb, der Bericht zeigt, daß auch in den nächsten Jahren, trotz mancher organisatorischer Schwierigkeiten, ein Arbeitseinsatz in Alba Julia, sinn- und ganz nebenbei auch äußerst reizvoll sein kann. Noch einmal betont sei unsere Überzeugung, das das von euch gespendete Geld, Dank der Arbeit der beteiligten Menschen in Rumänien, einem hervorragenden Hilfsprojekt mit ebensolchem Konzept zu Gute kommt. Nicht der Weg nach Temesvar wurde hier beschritten, sondern eine effektive überbündische Verantwortung gegenüber den Veränderungen in Osteuropa übernommen. Und das nicht mit großen Worten, sondern, spezifisch bündisch, mit der Tat.
Theo (Gefährtenbund Calluna)